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Lernmomente

Drittes Rad in Salvador

Salvador de Bahia hat mich nicht langsam reingeholt.

Von Marcel & Tanja Veröffentlicht am 4. Februar 2015 Aktualisiert am 21. Juli 2026 4 Min. Lesezeit

Salvador, Brasil: Drittes Rad am Strand bei Sonnenuntergang.
Reiseziel Brasilien

Salvador de Bahia hat mich nicht langsam reingeholt. Salvador ist sofort da: Hitze, Musikfetzen aus offenen Türen, dieser Geruch aus Meer, Abgasen und frittiertem Irgendwas. Eine Stadt, die nicht wartet, bis du dich orientiert hast.

Ich war dort wegen ihr. Oder zumindest auch. Eine Schweizerin, on-off, dieses unklare Band, das man auf Reisen gern „offen“ nennt, weil „kompliziert“ zu ehrlich wäre. Wir trafen uns wieder – und sie brachte, ganz nebenbei, einen japanischen Freund mit. Nicht als grosses Geständnis, eher als Tatsache. Als hätte jemand die Besetzung geändert, ohne die Szene zu stoppen.

Und plötzlich war ich das dritte Rad am Wagen. Nicht symbolisch. Ganz praktisch.

Man läuft nebeneinander her, man sucht Gesprächsthemen, man lacht an den richtigen Stellen. Und gleichzeitig spürt man ständig diese kleine Verschiebung: Ich bin hier und ich gehöre nicht dazu. Das ist ein unangenehmes Gefühl, vor allem wenn man sich selber dabei zusieht, wie man versucht, souverän zu wirken. Ich habe in diesen Tagen erstaunlich viel Energie dafür verbraucht, entspannt auszusehen.

Wir gingen dann auf eine Insel ohne Autos. Eine dieser Ideen, die nach Erholung klingen und dann ganz andere Dinge freilegen. Statt Verkehr gab es Schubkarren-Taxis. Menschen, die dich und dein Gepäck auf einer Karre durch Sand und schmale Wege schieben, als wäre das der normalste Transfer der Welt. Es war absurd und gleichzeitig logisch. Auf einer autofreien Insel wird die Infrastruktur eben menschlich.

Das Setting war paradiesisch genug, um sich in Fotos zu retten. Aber emotional war es eher… schräg. Tagsüber Strand, abends dieses Dreieck, das kein Dreieck sein wollte, weil niemand es so nennen wollte. Ich sass oft ein paar Schritte daneben, hörte zu, sagte wenig, und merkte, wie schnell man auf Reisen in Rollen rutscht, die man sich nicht ausgesucht hat.

Dann verschwand der Freund. So plötzlich, wie er aufgetaucht war. Keine grosse Szene, kein Drama, einfach weg. Und natürlich änderte sich damit alles. Plötzlich war ich wieder „spannend“. Das Wort fühlt sich im Nachhinein fast lächerlich an, aber es trifft den Mechanismus: Sobald die Konkurrenz weg ist, wird Aufmerksamkeit wieder verfügbar. Ich hätte mich freuen sollen. Stattdessen blieb ein Rest Bitterkeit, weil ich merkte, wie leicht ich mich in so etwas hineinziehen lasse.

Danach Rio. Ein Ortswechsel, der sich anfühlt wie ein Schnitt im Film. Rio ist eine Stadt, die Schönheit so offensiv ausstellt, dass man ihr kaum ausweichen kann. Meer, Hügel, Beton, Bewegung. Ich war dort gleichzeitig leichter und wacher, als würde die Stadt meinem Kopf keine Zeit lassen, sich in Gedanken zu verkriechen.

Und dann die Iguaçu-Fälle. Wasser als Gegenargument. Nicht therapeutisch, nicht „heilend“, einfach zu gross, zu laut, zu präsent. Da steht man im Sprühnebel und merkt, dass es Dinge gibt, die keine Rücksicht auf deine privaten Verwicklungen nehmen. Das tat gut, auf eine kalte Art.

Ilha Grande kam später wie eine Pause, die man sich verdient, ohne genau zu wissen wofür. Inselzeit. Pfade durchs Grün, feuchte Luft, Abende, an denen die Gedanken kurz weicher werden. Aber Inseln sind auch gnadenlos ehrlich: Wenn du unruhig bist, bist du es dort auch. Nur ohne Ausrede.

Und dann nochmals Rio. Als hätte ich die Stadt beim ersten Mal nicht fertig gelesen. Beim zweiten Anlauf fühlte sie sich weniger wie Postkarte an, mehr wie Realität: schön, laut, anstrengend, gleichzeitig. Vielleicht war ich einfach nur weniger bereit, mich von der Kulisse ablenken zu lassen.

Wenn ich heute an diese Reise denke, sehe ich nicht zuerst Salvador oder Rio oder Wasserfälle. Ich sehe Situationen.

Ich sehe mich als drittes Rad, geschniegelt höflich, innerlich genervt. Ich sehe Schubkarren-Taxis, die ohne Ironie funktionieren. Ich sehe, wie schnell sich ein Beziehungsstatus auf Reisen ändert, als wäre er nur eine Wetterlage. Und ich sehe, wie Orte alles verschieben können, ohne irgendetwas zu lösen.

Vielleicht war das die eigentliche Linie: Nicht von Salvador nach Insel nach Rio nach Wasserfällen nach Ilha Grande und zurück, sondern von „ich will etwas festhalten“ zu „ich kann es nicht“. Kein grosses Finale. Eher dieses leise Einsehen, dass manche Geschichten nicht sauber enden, sondern einfach weiterziehen.

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