Seegang, Schaukeln und Scooter: Eine Frachtschiff-Odyssee von Nigeria nach Kamerun

Die Idee klang gut, solange sie noch eine Idee war: von Calabar nach Tiko, nicht mit einer «normalen» Fähre, sondern auf einem Frachtschiff. Mit unseren Scootern. Ein Satz, den man später erzählt, weil er nach Abenteuer klingt – und den man im Moment selber nicht mehr ganz glaubt.
Das Erste, was ich auf dieser Strecke gelernt habe, ist nicht Seemannschaft, sondern Zeit. Zeit als Material. Geduld nicht als Tugend, sondern als Überlebensstrategie. Unsere Scooter mussten zuerst nach Calabar. Das klappte erstaunlich problemlos, was in dieser Ecke der Welt schon fast verdächtig wirkt. Dann standen wir da und warteten auf ein Schiff, das – natürlich – noch nicht entladen war.
Entladen heisst hier nicht: Containerkran, Maschine, Effizienz. Entladen heisst: Männer, die Kiste für Kiste tragen, in einem Rhythmus, der nichts mit Fahrplänen und alles mit Wirklichkeit zu tun hat. Es ist beeindruckend, wenn man es aus der Distanz betrachtet. Aus der Nähe fühlt es sich an, als würde jemand den Begriff «Logistik» absichtlich verlangsamen. Drei Tage ging das. Drei Tage, in denen man sich daran gewöhnt, dass «morgen» keine Zeitangabe ist, sondern eine Höflichkeitsform.
Als dann endlich beladen werden sollte, kam der Regen. Nicht dieser europäische Regen, der einen kurz nervt und dann wieder aufhört. Sondern so ein Regen, der klingt, als würde jemand Kieselsteine aus dem Himmel werfen. Ein Wolkenbruch, der alles gleich behandelt: Matrosen, Hafenarbeiter, Geduld. Ein zusätzlicher Tag Stillstand. Ich spielte kurz mit dem Gedanken, ob Schwimmen nicht effizienter wäre, und verwarf ihn aus Gründen, die mit Vernunft und Selbsterhaltung zu tun hatten.
Als wir tatsächlich ablegten, war es morgens. Die Luft noch feucht, über dem Hafen eine Nebelschicht, die alles grösser wirken lässt. Das Schiff stand da wie ein Argument aus Stahl und Rost, mit diesem Geruchsgemisch aus Diesel, Fisch und etwas Unbestimmtem, das sich in Häfen offenbar überall gleich anfühlt. Ein schwimmendes Lagerhaus. Kein Ort, der romantisch sein möchte.
Die Crew war freundlich, praktisch, ohne viel Theater. Beim Gepäck helfen, nicken, weiterarbeiten. Der Zollbeamte dagegen entschied sich für eine andere Rolle: nicht nur Stempel und Pass, sondern eine halbstündige Predigt über illegale Migration. Ich tat das, was man in solchen Situationen am besten kann: freundlich schauen, nicken, innerlich woanders sein. Ich hatte keine Energie mehr für Diskussionen. Ich wollte nur noch los.
Drinnen war es… funktional. Kisten, Fässer, undefinierbare Ladung, Ecken, in denen man sich fragt, was hier schon alles gelegen hat. Kabinen gab es für Kapitän und Crew. Für uns: eine Kojüte, zwölf Passagiere, wenig Privatsphäre und diese besondere Art von Nähe, die entsteht, wenn man keine Wahl hat. Meine Grösse war einmal mehr ein Vorteil, weil ich mich irgendwie in eine Ecke falten konnte, die anderen nicht sahen. Ein seltenes Talent.
Die ersten Stunden hielt ich mich an Deck. Wind, Meer, vorbeiziehende Bohrinseln mit flammenden Spitzen, die tatsächlich aussehen, als hätte jemand eine überdimensionierte Öllampe auf den Horizont gestellt. Für einen Moment hatte ich dieses Gefühl von: Jetzt passiert es. Jetzt ist es wirklich Reise, wirklich Bewegung.
Dann kam der Seegang.
Nicht sanft, nicht filmisch, nicht dieses freundliche Wiegen, das man mit «Schifffahrt» verbindet. Sondern ein kompromissloses Hin und Her, als würde das Meer testen wollen, wie ernst man es meint. Mein Magen fand die Antwort schnell: gar nicht. Ich wurde sehr klein, sehr still, sehr körperlich. Alles, was ich an mir interessant fand, verschwand hinter Übelkeit. Ich lag flach, Augen zu, atmete gegen das Schaukeln an und redete mir ein, dass «wertvolle Lebenserfahrung» bestimmt irgendwann angenehm klingt – nur nicht jetzt.
Nach knapp zwanzig Stunden tauchte Kamerun am Horizont auf. Grün, weich, fast freundlich. Tiko wirkte im Vergleich zum schwankenden Stahlbau wie ein Versprechen: fester Boden, gerader Horizont, Ruhe im Innenohr. Das Entladen begann sofort – theoretisch. Praktisch dauerte es wieder länger als gedacht. Immerhin: Unsere Scooter waren als Erstes dran. Vielleicht, weil sie sperrig waren. Vielleicht, weil jemand Mitleid hatte. Vielleicht, weil Zufall in Häfen manchmal mehr entscheidet als Pläne.
Wir standen da, wartend, müde, und wurden angestarrt – was in Westafrika nichts Besonderes ist. Nur hatte ich nach dieser Nacht auf See weniger Reserven für Blicke. Der Körper war noch halb am Schaukeln, obwohl das Schiff längst still lag.
Später, als alles vorbei war, hätte ich gern ein ordentliches Fazit gehabt. Etwas, das die Sache rund macht. Aber eigentlich bleibt vor allem das Unrunde. Diese Langsamkeit des Handels ist nicht romantisch, sondern strukturell. Die Gelassenheit der Hafenarbeiter, die man bewundern kann, ohne sie nachmachen zu müssen. Und die Erkenntnis, dass der menschliche Magen zwar widerstandsfähig ist, aber nicht besonders verhandlungsbereit.
Ob ich es wieder tun würde? Vielleicht. Aber nur mit Tabletten. Und mit weniger Vorstellungen davon, wie «schön» sich eine Schifffahrt anzufühlen hat.
Calabar (Nigeria) – Tiko (Kamerun)
Route: Calabar (Nigeria) – Tiko (Kamerun)
Transport: Frachtschiff, Scooter an Bord
Dauer: ca. 20 Stunden auf See (plus mehrere Tage Warten im Hafen)
Was herausstach: Entladen von Hand, wetterbedingter Stillstand, Seegang als Magenprüfung, Ankunft in Tiko als Erlösung
Merksatz: Geduld ist auf solchen Strecken keine Haltung, sondern Infrastruktur.