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Lernmomente

Venedig und der Laptop, den ich schon am Anfang verloren habe

Fünf Minuten.

Von Marcel & Tanja Veröffentlicht am 3. März 2023 Aktualisiert am 21. Juli 2026 4 Min. Lesezeit

Gondeln in Venedig, ruhiges Wasser, historische Stadt im Hintergrund, bewölkter Himmel.
Reiseziel Italien

Fünf Minuten.

So lange war ich in Venedig, bis ich meinen Laptop vergessen hatte. Nicht gestohlen, nicht dramatisch geraubt – einfach liegen gelassen. Und ausgerechnet am ersten Tag einer achtmonatigen Reise. Das ist der Moment, in dem man merkt, wie dünn dieses Wort „Start“ eigentlich ist. Man stellt sich einen Aufbruch immer wie eine klare Linie vor. In Wirklichkeit beginnt er manchmal mit einem Fehler, der dir sagt: Du bist nicht so bereit, wie du dachtest.

Venedig ist dafür ein erstaunlich passender Ort. Diese Stadt wirkt, als hätte sie von Anfang an beschlossen, nicht mit normalen Regeln zu arbeiten. Keine Autos, keine klaren Achsen, stattdessen Wasser, Stein, Brücken, Gassen, die aussehen, als hätten sie sich gegenseitig aus Versehen gebaut. Du gehst los und bist sofort irgendwo. Orientierung ist hier keine Fähigkeit, sondern ein Glückszustand.

Ich suchte den Laptop natürlich sofort. Dieses hektische Zurücklaufen, das in einer Stadt mit Strassennamen schon unerquicklich ist, in Venedig aber fast komisch wirkt. Du biegst ab, denkst „da lang“, und plötzlich stehst du wieder vor einer anderen Brücke, einem anderen Kanal, einem anderen Schwarm Menschen. Die Stadt ist wie ein Labyrinth, das hübsch genug ist, damit du dich nicht beschweren darfst, während es dich verarscht.

Am Ende war der Laptop weg. Für immer. Aber der erste Eindruck blieb: Venedig ist nicht der Ort, an dem man sich entspannt einfindet. Venedig ist der Ort, der dich schon nach wenigen Minuten prüft, ob du dich auf Unordnung einlassen kannst.

Ich hatte zwei Tage. Genug Zeit, um die klassischen Bilder zu sehen: Kanäle, Gondeln, Patina, diese historische Schwere, die niemand bestreiten muss. Venedig ist speziell, klar. Und es hat eine Bedeutung, die man nicht kleinreden kann. Du spürst, dass hier Geschichte nicht „erzählt“ wird, sondern im Stein steckt.

Und trotzdem hat mich die Stadt ratlos zurückgelassen.

Vielleicht, weil sie ihre Wirkung so gut kennt. Vielleicht, weil alles so inszeniert wirkt, selbst wenn es echt ist. Oder vielleicht, weil ich sehr schnell gemerkt habe, dass ich nicht auf der Suche nach „besonders“ bin, sondern nach etwas, das mich berührt. Venedig beeindruckt. Berühren ist eine andere Disziplin.

Ein Teil davon sind die Touristen. Nicht moralisch gemeint – ich bin ja selber einer –, aber es ist schwer, in Venedig einen eigenen Rhythmus zu finden, wenn du permanent im Strom läufst. Menschen überall, Gruppen, die stehen bleiben, Selfiesticks, diese nervöse Energie von „ich muss das jetzt sehen“. Und du merkst schnell: Wenn es schon so ist, wie muss es erst in der Hochsaison sein? Ich will es eigentlich gar nicht wissen.

Das Komische ist: Je mehr Venedig „Venedig“ ist, desto weniger komme ich rein. Markusplatz, Rialto, die grossen Postkartenmomente – alles korrekt, alles beeindruckend, alles schon tausendmal gesehen, auch wenn man es zum ersten Mal sieht. Vielleicht ist das das Problem: Venedig ist so berühmt, dass es dir kaum erlaubt, es frisch zu erleben. Du läufst durch Erwartungen, nicht nur durch Gassen.

Die besten Momente waren, wie so oft, nicht dort, wo alle sind. Sondern in den Zwischenräumen. Eine Seitenstrasse, in der plötzlich Ruhe ist. Ein Kanal ohne Gondelshow. Ein Moment am Abend, wenn die Stadt kurz so tut, als würde sie wieder sich selber gehören. Dann funktioniert sie besser für mich: weniger Bühne, mehr Ort.

Am Ende blieb kein grosses Venedig-Gefühl. Eher dieses Schulterzucken, das man nicht provozieren will, aber auch nicht wegreden kann. Ich verstehe, warum Menschen diese Stadt lieben. Ich verstehe auch, warum sie Weltwunder-Status hat. Aber für mich hat sie den Hype nicht erfüllt.

Vielleicht war es einfach der falsche Zeitpunkt. Vielleicht war es der Laptop-Schock, der den Start schon in eine andere Richtung gezogen hat. Oder vielleicht ist es okay, dass manche Orte nicht passen, selbst wenn sie objektiv „gross“ sind.

Venedig war für mich weniger Magie als Erinnerung: dass Reisen nicht damit beginnt, dass alles stimmt, sondern damit, dass etwas schiefgeht. Und dass man trotzdem weiterläuft, über Brücken, durch Gassen, mit dem Gefühl, dass der eigene Plan noch nicht weiss, was er werden will.

 

 

Venedig

Dauer: 2 Tage in Venedig
Startmoment: nach 5 Minuten Laptop vergessen – am ersten Tag einer 8-monatigen Reise
Gefühl: beeindruckt, aber emotional distanziert; überlagert von Menschenmassen
Was funktioniert: die ruhigen Nebenwege, abends wenn die Stadt kurz Luft bekommt
Was bleibt: Manchmal beginnt eine Reise nicht mit Aufbruch, sondern mit einem Fehler

 

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