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Lernmomente

Wasser, Busse und der falsche Trost der Caipirinha

Brasilien hat mich nicht begrüsst.

Von Marcel & Tanja Veröffentlicht am 28. Januar 2015 Aktualisiert am 21. Juli 2026 4 Min. Lesezeit

Wasserfälle in der Natur mit Regenbogen, beeindruckende Landschaft und fließendes Wasser.

Brasilien hat mich nicht begrüsst. Es hat mich überrollt.

Nicht im schlechten Sinn. Eher so, wie ein Land wirkt, das seine Lautstärke nicht als Eigenschaft sieht, sondern als Grundzustand. Wärme, Farben, Gerüche, diese Nähe von allem. Und ich mittendrin, mit einem Rucksack, zu viel Zeit in der Hand und diesem Liebeskummer, der sich nicht dramatisch anfühlt, sondern zäh. Nicht wegen Tanja. Das war noch vor ihrer Zeit. Damals war es einfach dieses leere Ziehen, das auf Reisen gern mitfährt, egal wie schön die Landschaft ist.

Wir fuhren viel Bus. Nachtbusse, Tagbusse, diese endlosen Strecken, bei denen der Körper irgendwann aufhört, zwischen Müdigkeit und Wachsein zu unterscheiden. Klimaanlage auf arktisch, draussen tropisch. Fenster beschlagen, Menschen schlafen in Positionen, die eigentlich nicht möglich sein sollten. Und irgendwo zwischen zwei Raststätten beginnt man, sein eigenes Leben wie eine fremde Geschichte zu betrachten. Das ist manchmal gefährlich. Man kann sich darin verlieren. Aber manchmal ist es auch das Einzige, was hilft.

Die Iguaçu-Fälle waren der erste Moment, der mir den Kummer kurz aus dem Gesicht gerissen hat. Nicht, weil Wasser alles heilt, sondern weil diese Menge Wasser keine Rolle für deine Gefühle übrig hat. Du stehst da, und es ist zu gross, zu laut, zu präsent. Der Sprühnebel legt sich auf die Haut, als würde dir jemand sagen: Du bist hier. Jetzt. Und gleichzeitig wirkt alles absurd: Du bist ein einzelner Mensch mit einem einzelnen Problem, vor einem Naturereignis, das so tut, als wäre „Problem“ ein Wort aus einer anderen Welt.

Danach Ilha Grande. Ein Name, der nach Versprechen klingt. Inselzeit, langsamer Atem, Sand zwischen den Zehen, Postkartenwasser. Und ja, vieles davon stimmt. Aber Inseln haben diese Eigenschaft, dass sie dich mit dir selber einsperren, wenn du nicht aufpasst. Du kannst dort wunderbar verschwinden. Du kannst dort auch wunderbar merken, dass du dich nicht loswirst.

Ich erinnere mich an Wege durch Grün, feuchte Luft, irgendwo ein Hund, der schläfrig im Schatten liegt. Abends dieses Licht, das alles weich macht, sogar Gedanken, die tagsüber hart waren. Und trotzdem: Der Kummer ging nicht weg. Er wurde höchstens leiser, so wie eine Wunde leiser wird, wenn man aufhört, dauernd daran zu drücken.

Rio de Janeiro war dann wieder das Gegenteil. Eine Stadt, die dich nicht fragt, ob du bereit bist. Rio ist Blick und Körper, Hügel und Meer, Beton und Musikfetzen aus offenen Fenstern. Schön auf eine Weise, die fast ungerecht wirkt. Und hart auf eine Weise, die man nicht ignorieren kann, selbst wenn man nur „geniessen“ will.

Da war dieses Gefühl von gleichzeitiger Leichtigkeit und Schwere. Als könnte man am selben Tag am Strand sitzen und später merken, wie nah hier Schönheit und Bruch beieinander liegen. Vielleicht hat mich das damals besonders getroffen, weil ich selber gerade in so einem Zwischenzustand war: nach aussen funktionierend, innen nicht ganz stimmig.

Und dann die Caipirinha.

Dieses Getränk ist eigentlich eine gute Idee: Limette, Zucker, Cachaça, Eis. Es schmeckt nach Sommer und Vergessen. Es funktioniert auch – kurz. Aber es ist ein falscher Trost, wenn man ihn dafür benutzt, etwas zu betäuben, das eigentlich durchgefühlt werden will. Ich weiss noch, wie ich in einer Bar sass, irgendwo in Rio, und plötzlich merkte: Selbst Alkohol hat hier ein Tempo. Man trinkt nicht nur. Man nimmt teil. Und ich war müde davon, teilzunehmen.

Das Seltsame an dieser Reise ist: Wenn ich heute daran denke, erinnere ich mich nicht zuerst an die Orte. Ich erinnere mich an Übergänge. An Busfenster bei Nacht. An das Gefühl, irgendwo anzukommen, ohne wirklich anzukommen. An Wasser, das zu laut ist für Gedanken. An Inselabende, die kurz Frieden vortäuschen. An Rio, das einen gleichzeitig anzieht und abstößt, ohne sich zu erklären.

Und irgendwo dazwischen hat sich der Liebeskummer verändert. Nicht gelöst, nicht „überwunden“ – eher umgebaut. Von etwas, das ständig im Vordergrund steht, zu etwas, das im Hintergrund mitläuft. Wie eine Narbe, die du nicht mehr jeden Tag anschaust, aber die trotzdem da ist.

Vielleicht war das die eigentliche Bewegung dieser Reise: nicht von Iguaçu nach Ilha Grande nach Rio, sondern von „es tut weh“ zu „es tut noch, aber ich kann wieder atmen“. Kein grossartiges Ende. Kein Abschluss. Nur ein leises Weiter.

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