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Entscheidungen unterwegs

Ait Ben Haddou: Die Stadt aus Lehm und Legenden

Von Marcel & Tanja Veröffentlicht am 21. April 2023 Aktualisiert am 27. Januar 2026 4 Min. Lesezeit

Lehmstadt Ait Ben Haddou auf einem Hügel mit traditionellen Gebäuden und Palmen im Vordergrund.
Reiseziel Marokko

Manche Orte sind so surreal, dass sie eher wie ein Filmset wirken – und genau das ist Ait Ben Haddou

Gustave Flaubert

Aït Ben Haddou sieht aus, als hätte jemand vergessen, die Kulisse wieder abzubauen.

Man fährt durch eine Landschaft, die sich nicht anbiedert: karg, weit, ein bisschen hart. Und dann steht es da, dieses Ksar aus Lehm und Stroh, gestapelt wie ein Gedanke aus einer anderen Zeit. Die Farbe ist nicht eindeutig. Je nach Licht kippt sie von Honig zu Rost, von warm zu spröde. Alles wirkt gleichzeitig massiv und verletzlich, als würde ein starker Regen reichen, um es in die Elemente zurückzuschreiben.

Ich hatte Aït Ben Haddou schon gesehen, bevor ich dort war. Nicht auf einer Karte, sondern in Bildern, in Filmen, in diesen Szenen, die «irgendwo im Süden» spielen und immer ein bisschen nach Staub und Schicksal aussehen. Und genau das ist das Seltsame: Man kommt an und erkennt etwas wieder, das man nie wirklich gekannt hat. Der Ort fühlt sich vertraut an, weil er so oft für etwas anderes herhalten musste.

Das erste, was mir auffiel, war nicht die UNESCO-Plakette, sondern die Art, wie sich Gegenwart an Vergangenheit dranhängt. Kleine Läden, Souvenirs, Stimmen, die dich freundlich festhalten wollen. Die Gassen sind schmal, verwinkelt, und man steigt höher, Schritt für Schritt, vorbei an Türen, die mehr andeuten als öffnen. Lehm kann sehr schön sein, wenn man ihn in Ruhe betrachtet: diese weichen Kanten, diese Risse, die nicht kaputt wirken, sondern ehrlich. Aber man spürt auch: Das hier ist kein Museum, das man einfach konservieren kann, ohne dass etwas dabei verloren geht.

Viele der Häuser stehen leer oder wirken nur noch halb bewohnt. Ein paar Menschen leben noch im Ksar, heisst es, die meisten sind in den neueren Teil gezogen. Das klingt vernünftig. Und trotzdem macht es etwas mit dem Bild. Ein Ort, der so stark nach «früher» aussieht, funktioniert heute auch deshalb, weil das Leben sich teilweise verlagert hat. Authentizität ist manchmal nicht das, was bleibt, sondern das, was verschwindet.

Oben, wo der Blick aufgeht, wird es stiller. Das Tal liegt breit darunter, und plötzlich versteht man, warum dieser Ort so eine Anziehung hat. Nicht nur wegen der Filme. Sondern weil er eine einfache, alte Logik zeigt: Schutz, Überblick, Baukunst aus dem, was da ist. Lehm, Holz, Geduld. Und ein Wetter, das keine Meinung dazu hat, ob das romantisch ist oder nicht.

Ich stand dort oben und hatte kurz diese kindliche Freude: Das ist wirklich so. Dann kam die zweite Schicht: Und was ist daran eigentlich «wirklich»? Aït Ben Haddou ist ein Ort, der sich ständig zwischen zwei Wahrheiten bewegt. Zwischen Geschichte und Inszenierung. Zwischen Alltag und Projektionsfläche. Zwischen dem Wunsch, etwas zu bewahren, und dem Druck, es verwertbar zu machen.

Vielleicht ist genau das der Grund, warum er hängen bleibt. Weil er nicht nur schön ist, sondern widersprüchlich. Weil man ihn anschauen kann wie ein Bild – und im nächsten Moment merkt, dass man selbst Teil des Bildes geworden ist, mit Kamera, Staub an den Schuhen und dieser leisen Sehnsucht nach einer Vergangenheit, die man nie gelebt hat.

Als ich wieder runterging, bröselte irgendwo ein Stück Lehm von einer Kante. Nicht dramatisch, eher beiläufig. Es war ein gutes Geräusch. Ein kleines Reminder-Geräusch: dass auch die berühmtesten Orte nicht ewig Kulisse bleiben, wenn man sie lange genug in Ruhe lässt.

Aït Ben Haddou

Ort: Aït Ben Haddou, Marokko
Was es ist: befestigtes Lehmdorf (Ksar), UNESCO-Welterbe, häufig als Filmkulisse genutzt
Eindruck: wunderschön und zugleich seltsam vertraut, weil man es «schon gesehen» hat
Was bleibt: die Spannung zwischen Bewahren und Benutzen – und die Frage, was ein Ort sein darf, wenn alle ihn anschauen

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