Kindheit zwischen Verantwortung und fehlenden Chancen
Auf unserer Reise durch West- und Zentralafrika begegnen wir immer wieder Kindern, deren Alltag wenig mit dem zu tun hat, was wir aus der Schweiz kennen.

Auf unserer Reise durch West- und Zentralafrika begegnen wir immer wieder Kindern, deren Alltag wenig mit dem zu tun hat, was wir aus der Schweiz kennen. Viele übernehmen früh Aufgaben, die bei uns Erwachsenen vorbehalten wären. Sie tragen Wasserkanister, verkaufen Waren am Strassenrand, helfen auf Feldern oder hantieren mit Macheten und Werkzeugen, die beinahe grösser sind als sie selbst.
Nicht jede Mitarbeit innerhalb einer Familie ist automatisch Ausbeutung. In vielen Regionen gehört es selbstverständlich zum Alltag, dass Kinder mithelfen. Problematisch wird es dort, wo Arbeit gefährlich ist, den Schulbesuch verhindert oder Kinder vollständig in die Verantwortung der Erwachsenen drängt.
Bildung bleibt für viele von ihnen schwer erreichbar. Schulen liegen weit entfernt, Unterrichtsmaterial kostet Geld und selbst dort, wo Schulgebäude vorhanden sind, fehlen teilweise Lehrpersonen, Möbel oder funktionierende sanitäre Anlagen. Armut, Konflikte und schwache Infrastruktur greifen ineinander. Wer morgens Wasser holen, auf jüngere Geschwister aufpassen oder zum Einkommen der Familie beitragen muss, sitzt am selben Tag oft nicht mehr im Klassenzimmer.
Kinder müssen hier vielerorts schneller selbstständig werden. Europäische Helikopter-Eltern würden vermutlich bereits beim Anblick des täglichen Schulwegs nervös nach einem Sicherheitskonzept verlangen. Was bei uns als kaum zumutbar gilt, ist andernorts schlicht Alltag.
Auch die medizinische Versorgung ist häufig unzureichend. Sauberes Trinkwasser, ausgewogene Ernährung, Impfungen und Medikamente sind nicht überall zuverlässig verfügbar. Krankheiten, die in Europa gut behandelbar oder vermeidbar sind, können hier schnell lebensbedrohlich werden. Besonders hart trifft es Familien in abgelegenen Regionen, in denen die nächste Klinik Stunden entfernt liegt und bereits die Fahrt dorthin zu teuer sein kann.
Hinzu kommen Kinderhandel, Zwangsarbeit, sexuelle Gewalt und die Rekrutierung durch bewaffnete Gruppen. Diese Themen bleiben auf einer Reise meist unsichtbar. Man sieht keine Statistiken am Strassenrand und erkennt keinem Kind an, welche Erfahrungen es gemacht hat. Gerade deshalb wäre es falsch, aus einzelnen Begegnungen einfache Schlüsse über eine ganze Region zu ziehen.
Was wir sehen, sind Kinder, die uns zuwinken, neben dem Roller herlaufen, lachen oder neugierig Fragen stellen. Diese Momente sind schön. Sie dürfen aber nicht dazu führen, Armut zu verklären. Ein Lächeln beweist nicht, dass jemand nichts vermisst. Und Zufriedenheit mit wenig ist kein Argument dafür, Menschen dauerhaft wenig zuzugestehen.
Solche Begegnungen machen vor allem deutlich, wie stark der eigene Lebensweg vom Geburtsort abhängt. Ich habe weder die Schweiz ausgewählt noch mir ihre Sicherheit, ihr Bildungssystem oder ihre medizinische Versorgung verdient. Ich hatte schlicht Glück in der Sperma-Lotterie.
Diese Erkenntnis erzeugt noch keine Veränderung. Aber sie nimmt einem zumindest die bequeme Vorstellung, der eigene Wohlstand sei ausschliesslich das Ergebnis persönlicher Leistung.
Kinder in West- und Zentralafrika brauchen weder Mitleid noch romantische Geschichten über ihre Widerstandskraft. Sie brauchen verlässlichen Zugang zu Bildung, Gesundheitsversorgung, Schutz und die Möglichkeit, tatsächlich Kinder zu sein.
Das sollte keine Frage von Glück sein.
Steckbrief
- Bereist
- August 2023