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Unterwegs auf den Strassen West- und Zentralafrikas

Beginnen wir mit den Strassen selbst - oder besser gesagt, dem Fehlen derselben.

Von Marcel & Tanja Veröffentlicht am 27. Juli 2023 Aktualisiert am 21. Juli 2026 6 Min. Lesezeit

Kamerun | Unterwegs auf den Strassen West- und Zentralafrikas | Beitragsbild
Reiseziel Kamerun
Vor Ort Besucht im Juli 2023
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Beginnen wir mit den Strassen selbst – oder besser gesagt, dem Fehlen derselben. Stellt euch vor, ein staubiger Pfad schlängelt sich fröhlich durch dichte Dschungel, überquert hohe Berge und umschifft glitzernde Flüsse. Diese sogenannten «Strassen» (falls man sie überhaupt so nennen kann) besitzen einen Charme, der unverkennbar afrikanisch ist. Es scheint, als wären sie untrennbar mit der wilden Landschaft verwoben, als hätte die Natur selbst bei ihrer Entstehung mitgewirkt. Aber auch hochmoderne Autobahnen sind zu finden. Ein Mix der schwierig ist, sich vorzustellen.

Aber lasst euch von ihrem rustikalen Charakter nicht täuschen. Diese Strassen haben eine unheimliche Fähigkeit, auch den mutigsten Entdecker auf die Probe zu stellen. Schlaglöcher, meine Freunde, sind hier keine bloßen Vertiefungen im Asphalt – sie sind Schluchten, tief genug, um einen kleinen Elefanten verschwinden zu lassen oder euer Auto in ein Paralleluniversum zu befördern.

Und wir dürfen das unberechenbare Wetter nicht vergessen, denn Regen verwandelt diese Strassen in gefährliche Schlammlawinen und verwandelt eine bereits anspruchsvolle Fahrt in eine nervenaufreibende Achterbahnfahrt. Es ist ein ständiger Kampf zwischen Mensch und Natur, bei dem die einzige Gewissheit die absolute Ungewissheit in jeder Kurve ist.

Nun sprechen wir über den Verkehr. Ah, der Verkehr – diese chaotische Symphonie aus Hupen, belebten Märkten und friedlich umhertrottenden Nutztieren. Hier im westlichen und zentralen Afrika solltet ihr auf einen Verkehrsstau wie keinen anderen vorbereitet sein. Vergesst, was ihr über geordnete Linien und Verkehrsregeln wisst. In diesem Teil der Welt gilt das Motto «jeder Fahrer für sich», da der Begriff Fahrspuren nicht mehr als eine verrückte Idee darstellt.

Wer durch West- und Zentralafrika reist, merkt schnell, dass eine Strasse nicht überall dasselbe bedeutet.

Manchmal ist sie frisch asphaltiert, breit und überraschend gut ausgebaut. Wenige Kilometer später besteht sie aus Schlaglöchern, losem Kies und einem schmalen Streifen, den irgendwann einmal jemand für befahrbar erklärt hat.

Dieser Wechsel ist kaum vorhersehbar.

Eine Strecke, die auf der Karte harmlos aussieht, kann Stunden dauern. Eine andere, vor der alle warnen, ist plötzlich problemlos befahrbar. Google Maps kennt zwar die Entfernung, aber nicht zwingend den Zustand der Brücke, den Schlamm nach dem letzten Regen oder das Schlagloch, das inzwischen einen eigenen Schatten wirft.

Asphalt mit Unterbrechungen

Die schlechten Strassen waren selten einfach nur schlecht.

Manche bestanden aus tiefen Löchern, ausgewaschenen Rinnen und scharfkantigen Asphaltresten. Oft war nicht mehr die Frage, wie man den Schlaglöchern ausweicht, sondern welches davon vermutlich am wenigsten Schaden anrichtet.

In der Trockenzeit kam der Staub hinzu. Er setzte sich auf Kleidung, Gepäck und Gesicht und fand zuverlässig jede Öffnung, die vorher als geschlossen gegolten hatte.

Mit dem Regen veränderte sich alles.

Aus hartem Boden wurde Schlamm, aus kleinen Vertiefungen wurden Wasserlöcher und aus einer fahrbaren Strecke eine Frage der Bodenhaftung. Was am Morgen noch nach Strasse aussah, konnte am Nachmittag bereits eher an eine schlecht vorbereitete Geländestrecke erinnern.

Gleichzeitig gab es aber auch moderne Autobahnen, neue Brücken und überraschend gute Fernstrassen. Genau dieser Kontrast machte die Planung so schwierig.

Man wusste nie, welche Version hinter der nächsten Kurve wartete.

Der Verkehr folgt eigenen Regeln

In den Städten wurde es nicht unbedingt einfacher.

Minibusse hielten dort, wo Fahrgäste standen. Taxis wechselten die Spur, sobald irgendwo ein halber Meter Platz frei wurde. Motorräder nutzten jede Lücke, Fussgänger ebenfalls.

Marktstände reichten bis an den Fahrbahnrand. Ziegen, Hunde und gelegentlich Rinder behandelten die Strasse als gemeinsamen Lebensraum und nicht als Gebiet, das ausschliesslich Fahrzeugen gehört.

Die Hupe war dabei weniger Ausdruck von Wut als eine eigene Sprache.

Ein kurzes Hupen konnte bedeuten: Ich komme.

Zweimal Hupen: Ich überhole.

Langes Hupen: Ich komme trotzdem.

Verkehrsregeln existierten durchaus. Sie wurden nur oft flexibler ausgelegt, als ich es aus Europa gewohnt war.

Fahrzeuge mit erstaunlicher Ausdauer

Auch die Fahrzeuge selbst erzählten Geschichten.

Minibusse waren oft bis auf den letzten Platz gefüllt, dazu kamen Gepäck, Säcke, Kanister und gelegentlich Tiere. Motorräder transportierten Mengen, für die man bei uns vermutlich einen Lieferwagen bestellen würde.

Manche Autos hatten sichtbare Unfallschäden, fehlende Leuchten oder Türen, die nur noch aufgrund jahrelanger Gewohnheit geschlossen blieben. Andere waren technisch erstaunlich gut gepflegt und wirkten, als könnten sie noch weitere zwanzig Jahre fahren.

Bei vielen Fahrzeugen fragte ich mich, wie sie überhaupt noch funktionierten.

Die Antwort war meistens: Reparatur, Improvisation und nochmals Reparatur.

Wo Ersatzteile fehlen oder teuer sind, wird geschweisst, angepasst und weiterverwendet. Das ist nicht romantisch, sondern oft wirtschaftliche Notwendigkeit.

Das Chaos funktioniert – bis es nicht mehr funktioniert

Im dichten Verkehr entstand häufig der Eindruck eines eingespielten Systems.

Jeder beobachtete jeden. Abstände waren klein, Reaktionen schnell und viele Situationen lösten sich im letzten Moment auf. Was für mich zunächst chaotisch aussah, folgte oft informellen Regeln, die Einheimische deutlich besser verstanden als ich.

Trotzdem wäre es falsch, daraus eine harmlose Folklore zu machen.

Am Strassenrand lagen immer wieder ausgebrannte Lastwagen, zerstörte Autos oder umgekippte Busse. Manche Wracks waren alt und ausgeschlachtet, andere offensichtlich erst vor Kurzem verunfallt.

Sie erinnerten daran, dass schlechte Strassen, überladene Fahrzeuge, hohe Geschwindigkeiten, fehlende Beleuchtung und lange Fahrzeiten ernsthafte Folgen haben können.

Der Verkehr war nicht nur faszinierend.

Er war stellenweise gefährlich.

Geduld ist wichtiger als Geschwindigkeit

Unterwegs lernte ich deshalb, Fahrzeiten anders zu berechnen.

160 Kilometer konnten drei Stunden dauern.

Oder acht.

Eine Polizeikontrolle konnte nach zwei Minuten beendet sein. Oder sich so lange hinziehen, bis niemand mehr wusste, worauf eigentlich gewartet wurde.

Dazu kamen Pannen, Regen, Baustellen, Fähren, Tiere auf der Strasse und spontane Stopps, deren Grund sich mir nicht immer erschloss.

Ein robusteres Fahrzeug half.

Noch wichtiger war Geduld.

Wer ständig versucht, europäische Fahrzeiten und Abläufe durchzusetzen, verbringt einen grossen Teil der Reise mit Frust. Die Strasse interessiert sich nicht dafür, was auf dem Tagesplan steht.

Sie bestimmt das Tempo.

Die Strecke gehört zur Geschichte

Trotz aller Anstrengung war das Reisen auf diesen Strassen eine der intensivsten Erfahrungen der Reise.

Im Bus bekommt man vieles nur durch ein Fenster mit. Auf dem Motorrad war ich mitten im Geschehen. Ich roch den Staub, spürte jeden Temperaturwechsel und hielt in Dörfern, die sonst nur als kleiner Punkt auf der Karte vorbeigezogen wären.

Die schwierigen Strecken waren nicht automatisch die schönsten.

Aber oft waren es jene, an die ich mich später am besten erinnerte.

Nicht wegen eines vermeintlich «ungezähmten Afrikas», sondern weil unterwegs ständig improvisiert werden musste. Von mir, von den Fahrern und von allen anderen, die dieselbe Strasse nutzten.

In West- und Zentralafrika ist eine Strasse selten nur der Weg von A nach B.

Manchmal ist sie bereits der grösste Teil der Geschichte.

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