Vietnam – ein Land der grossen Eindrücke. Und der kleinen… sagen wir mal… Eigenheiten.
Vietnam per Roller: 2200 km zwischen Traumlandschaft und kreativem Chaos. Würden wir sofort wieder machen.

Für uns war Ho Chi Minh City der perfekte Einstieg in Vietnam: gross, lebendig, aber trotzdem überraschend zugänglich. Eigentlich recht international, mit guten Sightseeing-Spots und genau der richtigen Dosis Chaos, um sich langsam heranzutasten. Nicht gleich völlige Reizüberflutung, sondern eher: Willkommen, es wird wild, aber wir überfordern euch nicht sofort.
Schon der Nachtzug von Ho Chi Minh City nach Da Nang war eines dieser Erlebnisse, die man nicht einfach als Transport abhakt. Ein privates Abteil lohnt sich aus unserer Sicht auf jeden Fall. Simpel, ja. Aber auch ein bisschen romantisch. Man liegt im Zug, draussen zieht die Dunkelheit vorbei, irgendwann wacht man auf und ist schon wieder ein gutes Stück weiter nördlich. So stellt man sich Reisen heimlich vor.
Hoi An war dann deutlich touristischer, als wir es sonst mögen. Aber man muss fair bleiben: absolut sehenswert ist es trotzdem. Diese Lichter am Abend, die gelben Häuser, die Stimmung am Fluss – das hat schon etwas. Und dazu gab es dort ganz nebenbei auch noch die beste Pho Bo unserer ganzen Vietnam-Reise. Man kann also nicht wirklich böse sein.
Mit dem Roller durchs Land
Danach kam der eigentliche Gamechanger: die Rollerübernahme in Hoi An. One-Way-Miete bis Hanoi, gut drei Wochen unterwegs. Rückblickend: das Beste, was wir machen konnten.
Wir fahren beide einfach sehr gern Roller. Und Vietnam ist dafür fast absurd gut geeignet. Man reist langsam, kommt aber trotzdem voran. Genau diese Mischung macht es aus. Nicht zu schnell, nicht zu mühsam. Gerade genug, um die Landschaft wirklich zu erleben. So sahen wir das Vietnam, das wir uns vorgestellt hatten – fast ein bisschen wie im Film: grün, ländlich, bergig, viele einfache Dörfer, freundliche Einheimische, Bilderbuch-Landschaft. Und die Strassen? Ehrlich gesagt ein Traum. Das hat uns wirklich umgehauen.
Natürlich sind die bekannten Orte, die man aus Vietnam kennt, sehenswert. Aber am Ende gefiel uns oft das Dazwischen fast noch besser als die eigentlichen Ziele.
Phong Nha zum Beispiel ist als Ort selbst nicht wahnsinnig schön. Kein Städtchen, in dem man einfach wegen der Atmosphäre hängenbleibt. Man merkt, dass der Tourismus hier noch relativ jung ist – was logisch ist, wenn man bedenkt, dass viele der Höhlen erst vor gar nicht so langer Zeit überhaupt entdeckt wurden. Die Umgebung hingegen ist atemberaubend. Berge, alles grün, Flüsse, Karstlandschaft wie aus dem Bilderbuch. Und dazu diese gewaltigen Höhlen, darunter einige der grössten der Welt. Man kommt also nicht wegen des Orts, sondern wegen allem drumherum. Und das reicht locker.
Ninh Binh war für uns dagegen eher eine kleine Enttäuschung. Sehr touristisch, ziemlich überladen, stellenweise mit leichtem Hygienedefizit und insgesamt irgendwie überfordert von seiner eigenen Beliebtheit. Ausserhalb wird es besser, keine Frage. Aber als Gesamtpaket war es für uns kein Highlight. Vielleicht auch, weil wir mehr erwartet hatten.
Gerade deshalb fanden wir Pù Luông und Mai Chau die deutlich bessere Alternative. Ruhiger, angenehmer, weniger durchinszeniert. Einfach mehr von dem Vietnam, das uns gefallen hat. Viel Landschaft, weniger Show. Genau unser Ding.
Beim Ha Giang Loop war es ähnlich. Die Landschaft, die Strassen, die Berge – absolut traumhaft. Wirklich eine fantastische Region. Aber gleichzeitig ist der Loop inzwischen stark überladen mit Easy Ridern und Backpackergruppen. Man merkt, wie schnell das Ganze gewachsen ist, angefeuert durch Social Media und den üblichen Hype-Mechanismus. Schön ist es immer noch. Aber wir würden es nur alleine machen wollen, mit eigenem Zeitplan, eigenen Stopps und ohne morgens in einer Kolonne von Rollern mitzufahren, die alle dasselbe Bild machen wollen.
God’s Eye und Ban Gioc gehören für uns definitiv zu den Orten, die man empfehlen kann. Nicht nur die Sehenswürdigkeiten selbst, sondern die gesamte Umgebung. Fantastische Landschaft, schöne Strecken, viel Ruhe. Genau diese Kombination macht es stark.
Und dann zum Schluss Hanoi. Chaotisch, laut, voll – aber mit Charme. Urban, aber nicht kühl. Intensiv, aber nicht abweisend. Dazu richtig gutes Essen, tolle Cafés und genau diese Mischung aus schöner Fassade und völliger Überforderung, die irgendwie erstaunlich gut funktioniert. Hanoi hat uns wirklich sehr gefallen.
Drei Wochen in Zahlen
In Zahlen sah unsere Vietnam-Roller-Reise so aus:
21 Tage,
15 Etappen,
über 2200 Kilometer,
ein Durchschnittstempo von etwa 45 km/h,
und leider auch eine Lebensmittelvergiftung – weil eine Reise offenbar erst dann vollständig ist, wenn mindestens einmal jemand völlig unnötig leidet.
Was uns besonders überrascht hat? Der Verkehr und der Zustand der Strassen. Wirklich. Wir hatten mit deutlich mehr Chaos, Löchern und Nervenkrieg gerechnet. Stattdessen waren viele Strecken besser als erwartet. Auch der Stadtverkehr war am Ende einfacher als gedacht. Natürlich chaotisch, natürlich laut, natürlich mit eigener Logik – aber eben nicht dieses Endgegner-Level, das man sich vorher im Kopf ausmalt. Und dann die Preise: alles wirklich sehr günstig. Essen, Kaffee, Unterkünfte, selbst lange Distanzen fühlen sich finanziell oft erstaunlich entspannt an.
Plastikstühle, Hupen und Chaos
Und dann sind da noch die Dinge, die Vietnam so speziell machen.
Aufräumen scheint hier eher als optionales DLC verstanden zu werden. Besteck vom Mittagessen? Bleibt einfach liegen. Könnte ja nochmal gebraucht werden. Oder es entwickelt über den Tag eine gewisse Persönlichkeit – wer weiss das schon so genau.
Geschäfte haben ebenfalls ein faszinierendes Konzept von Individualität: nämlich keines. Ob Friseur, Minimarkt oder Handyshop – es sieht alles gleich aus. Gleiche Neonröhre, gleiche Plastikstühle, gleiche Auslage. Man hat das Gefühl, man ist in einer Simulation hängen geblieben, bei der jemand Copy-Paste etwas zu ernst genommen hat.
Der Verkehr folgt einer ganz eigenen Philosophie. Regeln existieren, aber mehr so als lose Empfehlung. Hupen ersetzt den Blinker, Vortritt ist Verhandlungssache, und wenn man eine Strasse überquert, wird man Teil eines fliessenden Systems – wie ein Stein im Fluss. Stillstehen ist gefährlich, Vertrauen ist alles.
Dann die Sache mit den Gehsteigen. Eine wunderbare Idee in der Theorie. In der Praxis sind sie Parkplatz, Küche, Werkstatt und Wohnzimmer zugleich. Fussgänger? Eine nette Randnotiz.
Auch spannend: Mülltrennung scheint hier eher ein abstraktes Konzept zu sein. Alles kommt zusammen – organisch, Plastik, philosophisch. Und irgendwo wird es dann schon geregelt. Vermutlich.
Was ebenfalls auffällt: Lautstärke ist kein Problem, sondern ein Lebensstil. Ob Baustelle, Karaoke oder einfach ein Telefongespräch auf Lautsprecher – je lauter, desto besser. Ruhe ist hier kein Zustand, sondern ein Gerücht.
Und trotzdem – oder gerade deshalb – hat das Ganze einen gewissen Charme. Zwischen Chaos, Kreativität und kompletter Improvisation funktioniert hier erstaunlich viel. Vielleicht nicht immer effizient, aber irgendwie lebendig.
Unser Fazit ist deshalb ziemlich klar:
Wir würden es sofort wieder genau so machen.
Für die Landschaft, die grünen Berge, die Strecken, die Menschen – und für dieses leicht chaotische, manchmal unlogische Ganze, das gleichzeitig erstaunlich stimmig funktioniert.
Praktisches
- Anfahrt
- Nachtzug von Ho Chi Minh City nach Da Nang, danach Rollerübernahme in Hoi An
- Fahrzeit
- 21 Tage, 15 Etappen, über 2200 Kilometer mit Durchschnittstempo 45 km/h
- Kostenrahmen
- Sehr günstig – Essen, Kaffee, Unterkünfte, selbst lange Distanzen finanziell entspannt
- Fahrzeug
- Roller (One-Way-Miete Hoi An bis Hanoi)
- Zeitbedarf
- 21 Tage für die gesamte Strecke mit ausreichend Zeit für Umgebungen
Steckbrief
- Ort
- Hà Nội, Vietnam
- Erlebnis
- 2200 km Rollerfahrt durch grüne Berge, Karstlandschaft und authentisches Landleben.
- Kontrast
- Zwischen Bilderbuch-Landschaft und kreativem Chaos – Gehsteige sind Parkplätze, Regeln sind Empfehlungen.
- Tipp
- One-Way-Rollermiete von Hoi An nach Hanoi – das Dazwischen ist oft besser als die Ziele.
- Was bleibt
- Erstaunlich gute Strassen, günstiges Reisen und ein Land, das zwischen Improvisation und Lebendigkeit funktioniert.
- Bereist
- März 2026
Häufige Fragen
Lohnt sich ein privates Abteil im Nachtzug?
Ist der Verkehr in Vietnam wirklich so chaotisch wie sein Ruf?
Sollte man den Ha Giang Loop auf eigene Faust machen?
Was war das Highlight der Rollerreise?
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