20 Stunden auf Eisenerz – Mit dem längsten Zug Mauretaniens durch die Sahara
20 Stunden auf Eisenerz durch die Sahara – staubig, unbequem, aber mit Sonnenuntergang und Sternenhimmel unvergesslich.

Vom Orient-Express, der Transsibirischen Eisenbahn oder dem Rocky Mountaineer haben die meisten schon gehört. Der Eisenerzzug in Mauretanien spielt in einer etwas anderen Kategorie.
Kein Speisewagen, keine frisch bezogenen Betten und keine Panoramafenster. Dafür mehr als 200 mit Eisenerz beladene Wagen, bis zu drei Kilometer Zuglänge und rund 700 Kilometer durch die Sahara.
Als der Zug an mir vorbeifuhr, zählte ich 202 Wagen. Einer nach dem anderen zog vorbei, beladen mit dunklem Erz und aneinandergereiht wie eine Perlenkette, falls jemand eine Perlenkette aus Stahl, Rost und Dieselabgasen herstellen wollte.
Der Zug verbindet die Minen rund um Zouérat im Norden Mauretaniens mit der Hafenstadt Nouadhibou an der Atlantikküste. Er transportiert das Eisenerz quer durch eines der trockensten Gebiete der Erde. Gleichzeitig ist er für Menschen entlang der Strecke ein wichtiges Verkehrsmittel.
Und zumindest damals konnte man nicht nur in den angehängten Personenwagen mitfahren, sondern auch direkt auf den mit Eisenerz gefüllten Güterwagen.
Unter freiem Himmel. Ohne Sitzplatz, Toilette oder irgendeine Garantie dafür, wann man ankommen würde.
Natürlich entschied ich mich für das Eisenerz.
Warten auf einen Zug ohne Fahrplan
Am Verladegebiet von Zouérat mischten sich Vorfreude und eine gewisse Nervosität. Vor mir lagen voraussichtlich etwa 20 Stunden Fahrt. Es gab unterwegs keine Möglichkeit, Lebensmittel zu kaufen, keine Toilette und keine Unterkunft. Schlafen würde ich dort, wo ich auch den restlichen Tag verbringen würde: auf dem Eisenerz.
Einen verlässlichen Fahrplan gab es nicht. Der Zug fuhr, wenn die Wagen beladen und bereit waren.
Laut den Informationen vor Ort sollte es gegen 14 Uhr losgehen. Ich war ungefähr eine Stunde vorher da. Um 14 Uhr passierte nichts. Um 15 Uhr ebenfalls nicht.
Das war weder überraschend noch besonders hilfreich.
Erst gegen 16 Uhr kam langsam Bewegung in die Sache. Lokomotiven wurden verschoben, Wagen rangiert und Menschen begannen, ihr Gepäck zusammenzutragen. Gegen 16.30 Uhr kletterten Tobias und ich auf einen der Güterwagen.
Tobias war Deutscher und offenbar zur gleichen fragwürdigen Idee gelangt wie ich. Damit waren wir vorerst die einzigen Personen auf unserem Wagen.
Der Zug bestand zu diesem Zeitpunkt nur aus ungefähr 40 Wagen. Die Personenwagen wurden am Ende angehängt. Seine endgültige Länge erreichte das Ungetüm erst rund 20 Kilometer später in Fderik.
Schafe, Säcke und weitere 150 Wagen
In Fderik kamen weitere Menschen hinzu. Riesige Säcke wurden auf die Wagen gehievt, Waren verstaut und sogar Schafe und Ziegen auf dem Eisenerz untergebracht.
Was bei uns vermutlich mehrere Formulare, einen Tiertransportbeauftragten und eine parlamentarische Untersuchung ausgelöst hätte, war hier Teil des Reisealltags.
Gleichzeitig wurden etwa 150 weitere beladene Wagen angehängt. Bei jedem Rangiermanöver lief eine ruckartige Bewegung durch den gesamten Zug. Stahl schlug gegen Stahl, die Kupplungen spannten sich und unser Wagen machte einen Satz.
Im Sitzen oder halb im Eisenerz versunken war das gut auszuhalten. Beim Herumlaufen sollte man dagegen aufmerksam bleiben.
Wir befanden uns ungefähr im fünfzehnten Wagen hinter den Lokomotiven. Das erwies sich später als ausgesprochen gute Entscheidung. Je weiter hinten man sass, desto mehr Eisenstaub wirbelten die vorausfahrenden Wagen auf.
«Wenig Staub» ist dabei relativ. Es bedeutet ungefähr, dass man noch erkennen konnte, welche Farbe die eigenen Kleider vor der Abfahrt gehabt hatten.
Langsam durch die Leere
Der Zug setzte sich wieder in Bewegung. Seine Höchstgeschwindigkeit lag zwar deutlich höher, meistens kroch er aber wesentlich langsamer durch die Landschaft.
Um uns herum lagen einige der kargsten Ebenen, die ich je gesehen hatte. Fels, Sand und Geröll reichten bis zum Horizont. Gelegentlich zogen Kamel- oder Ziegenherden durch die Einöde. Dazwischen standen vereinzelt einfache Behausungen und kleine Siedlungen, kilometerweit entfernt von allem, was nach einem Laden aussah.
Einmal beobachtete ich, wie aus der fahrenden Lokomotive Brote zu Frauen und Kindern am Rand der Strecke geworfen wurden. Für sie war der Zug nicht nur ein Transportmittel für Erz, sondern eine Verbindung zur Versorgung ausserhalb ihrer Siedlungen. An bestimmten Tagen brachte er auch Wasser und hielt deshalb häufiger an.
Unser eigener Speiseplan bestand ebenfalls hauptsächlich aus Brot und Wasser.
Das hatte praktische Gründe. Alles andere wäre innerhalb weniger Sekunden mit einer Schicht Eisenstaub paniert gewesen. Wobei auch das Brot bereits gelegentlich zwischen den Zähnen knirschte.
Skibrille in der Sahara
Die Hitze war während der Fahrt weniger schlimm als erwartet. Solange sich der Zug bewegte, sorgte der Fahrtwind für etwas Kühlung.
Sobald er anhielt, änderte sich das sofort. Dann sassen wir in einem offenen Metallwagen in der prallen Saharasonne und warteten darauf, dass sich die mehreren tausend Tonnen schwere Schlange wieder in Bewegung setzte.
Maske und Skibrille gehörten zu den besten Dingen, die ich mitgebracht hatte. Die Maske hielt wenigstens einen Teil des feinen Staubs aus den Atemwegen, während die Brille die Augen schützte.
Dass ich mitten in Mauretanien mit einer Skibrille auf einem Güterzug sitzen würde, hatte ich beim Kauf vermutlich nicht als Verwendungszweck berücksichtigt.
Unser Platz weit vorne brachte noch einen weiteren Vorteil: Tobias und ich konnten uns im Eisenerz jeweils eine halbwegs sichere Liegefläche einrichten. Das Material war überraschend weich und liess sich so formen, dass wir nicht bei jeder Bewegung des Zuges Richtung Wagenrand rollten.
Bequem ist dafür trotzdem das falsche Wort.
Der «tödlichste Zug der Welt»
Im Internet wird der mauretanische Eisenerzzug gerne als einer der gefährlichsten oder sogar als der «tödlichste Zug der Welt» bezeichnet.
Das klingt gut in Videos mit dramatischer Musik, hat aber oft mehr mit Influencer-Geschwätz als mit einer seriösen Einordnung zu tun.
Ungefährlich war die Fahrt dennoch nicht. Die Wagen haben keine Sicherungen für Passagiere, die Bewegungen des Zuges können abrupt sein und Hilfe wäre mitten in der Wüste kaum schnell verfügbar. Wer aufstand, musste aufmerksam bleiben und durfte die Kräfte dieses Zuges nicht unterschätzen.
Wir verbrachten die meiste Zeit ohnehin liegend oder sitzend im Erz. Man konnte problemlos hinausschauen, ohne ständig auf dem Wagen herumzulaufen und damit das Abenteuer künstlich noch gefährlicher zu machen.
Die eigentliche Herausforderung bestand weniger in spektakulären Todesfallen als in Staub, Hitze, Kälte, Schlafmangel und 20 Stunden ohne Toilette.
Das ist für einen Reisebericht offenbar nicht dramatisch genug.
Sonnenuntergang über der Sahara
Stundenlang wechselte die Landschaft langsam ihr Gesicht. Aus felsigen Ebenen wurden rote Sandflächen, später tauchten grössere Dünen auf. Der Zug hielt gelegentlich bei winzigen Siedlungen aus einfachen Baracken.
Die Stopps dauerten meist nur wenige Minuten. Wer abstieg, tat dies auf eigenes Risiko. Verpasste man die Abfahrt, konnte man auf den nächsten Zug warten – irgendwo in der Sahara, ohne Bahnhofsanzeige und Kundendienstschalter.
Wir blieben lieber auf unserem Wagen.
Als die Sonne tiefer sank, färbte sie die Landschaft orange und rot. Der lange Güterzug warf einen schmalen Schatten über die Ebene, während hinter uns Staub in der Luft hing.
Tobias und ich sassen grinsend im Eisenerz und konnten kaum glauben, was wir gerade sahen und was wir eigentlich taten.
Später verschwand das letzte Licht. Ohne Städte, Strassenlaternen oder einen hellen Mond erschien über uns ein Sternenhimmel, wie man ihn nur an wenigen Orten erlebt.
Für diesen Moment hatten sich Staub, Warten und knirschendes Brot bereits gelohnt.
Eine kalte Nacht auf dem Erz
In tiefer Dunkelheit erreichten wir Choum, die einzige grössere Ortschaft unterwegs. Der Zug hielt ungefähr sieben Minuten, bevor es wieder weiterging.
Die längste Pause folgte später irgendwo im Nirgendwo. Da die Strecke grösstenteils eingleisig ist, mussten wir auf einen entgegenkommenden Zug warten.
Mit Einbruch der Nacht wurde es empfindlich kalt. Die Wärme des Tages verschwand überraschend schnell. Eingewickelt in eine Decke versuchte ich, zwischen Schaukeln, Rattern und metallischem Knarren etwas Schlaf zu finden.
Ein paar Stunden kamen vermutlich zusammen. Erholsam waren sie nicht.
Bei jedem ungewöhnlichen Geräusch schreckte ich hoch. Und auf einem drei Kilometer langen Güterzug klingt erstaunlich vieles ungewöhnlich.
Gegen 5.30 Uhr erschien die Sonne wieder am Horizont. Der Himmel wechselte von Dunkelblau zu Orange und Rot. Wir sahen uns an und grinsten schon wieder.
Vor uns lagen noch ungefähr sechs Stunden.
Langsam nahmen die Zeichen der Zivilisation zu. Mehr Gebäude tauchten auf, Strassen kreuzten die Bahnlinie und die Umgebung von Nouadhibou rückte näher.
Ankunft mit Eisenstaub in jeder Ritze
Nach insgesamt rund 20 Stunden erreichten wir die Hafenstadt Nouadhibou.
Wir waren müde, durchgefroren, staubig und vollkommen begeistert.
Tobias’ Freundin hatte sich vernünftigerweise gegen die Fahrt entschieden und im Hostel auf uns gewartet. Gemeinsam machten wir uns mit einem Taxi auf den Weg dorthin.
Ins Gebäude durften wir in unserem Zustand allerdings nicht sofort. Verständlich. Wir sahen aus, als hätten wir uns 20 Stunden lang in einem Sack Grillkohle gewälzt.
Also ging es zuerst ins Meer.
Danach brauchte es trotzdem noch eine ausgiebige Dusche. Der Eisenstaub war durch Kleidung, Taschen, Masken und jede noch so kleine Öffnung gedrungen. Noch Tage später fand ich ihn an Stellen, an denen er physikalisch eigentlich nicht hätte auftauchen dürfen.
Vermutlich habe ich einen Teil der mauretanischen Rohstoffproduktion mit in die Schweiz gebracht.
Kein gewöhnlicher Zug
Die Fahrt mit dem Eisenerzzug war unbequem, schmutzig und anstrengend. Gleichzeitig gehört sie zu den intensivsten Reiseerlebnissen, die ich je hatte.
Es war nicht nur die Grösse des Zuges. Es war die Kombination aus der kargen Landschaft, dem langsamen Vorankommen, der völligen Abgeschiedenheit und dem Wissen, dass dieser Zug für die Menschen entlang der Strecke weit mehr bedeutet als ein Abenteuer für Reisende.
Tobias war für diese 20 Stunden der perfekte Mitfahrer. Wir teilten Brot, Staub, Schlafmangel und die fortlaufende Frage, ob das wirklich eine gute Idee gewesen war.
Am Ende war es das.
Zumindest rückblickend und nach einer sehr langen Dusche.
Wichtiger aktueller Hinweis
Diese Geschichte beschreibt meine damalige Reise. Das Mitfahren auf den offenen Eisenerzwagen wird inzwischen nicht mehr als erlaubte Option für Touristinnen und Touristen betrachtet. Wer die Strecke heute bereisen möchte, sollte sich vor Ort über die aktuellen Bestimmungen informieren und die dafür vorgesehenen Personenwagen nutzen.
Der Zug bleibt auch von dort aus ein ziemlich eindrückliches Stück Mauretanien.
Praktisches
- Anfahrt
- Von Zouérat (Mine) nach Nouadhibou (Hafenstadt)
- Fahrzeit
- 20 Stunden
- Fahrzeug
- Eisenerzzug (202 Waggons, 2,5 km lang)
- Zeitbedarf
- 1 Tag (inkl. Wartezeit auf Abfahrt)
Steckbrief
- Erlebnis
- 20 Stunden auf offenen Eisenerz-Waggons durch die Sahara, ohne Toilette und bei extremem Staub.
- Kontrast
- Modernste Infrastruktur trifft auf archaische Transportmittel – Schafe und Ziegen reisen neben Touristen auf Eisenerz.
- Hinweis
- Wagen weit vorne wählen für weniger Staub, Maske und Skibrille mitnehmen, nur Brot und Wasser essen.
- Was bleibt
- Der Sonnenuntergang über den Dünen und der Sternenhimmel mitten in der Wüste ohne jede Lichtverschmutzung.
- Bereist
- Mai 2023