Von Chinguetti nach Zouérat – Viel Tee und unerwarteter Fussballabend
Bin noch nicht ready.

Bin noch nicht ready.
Wie abgesprochen geht’s dann aber um 5 Uhr früh los, wieder mal eingepfercht hinten im Pickup nach Atar. Mein heutiges Tagesziel heisst nämlich Zouerat.
Von Chinguetti sollte es heute um fünf Uhr morgens losgehen. Der Fahrer stand allerdings bereits um vier Uhr vor der Tür.
Zu früh.
Ich war weder wach noch fertig und erklärte ihm deshalb, dass er zuerst die anderen Passagiere einsammeln könne. Wie abgesprochen starteten wir schliesslich um fünf Uhr – erneut eingepfercht auf der Ladefläche eines Pick-ups Richtung Atar.
Mein Tagesziel hiess Zouérat.
In Atar halfen mir Einheimische dabei, relativ schnell das richtige Sammeltaxi zu finden. Die Fahrt dauerte ungefähr vier Stunden und verlief überraschend angenehm. Von den fünf Polizeikontrollen unterwegs musste ich nur bei zwei meine Fiche abgeben – einen vorbereiteten Zettel mit Kopien meiner Pass- und Visumsdaten.
Was mit all diesen Zetteln geschieht, weiss vermutlich niemand so genau. Irgendwo in Mauretanien muss ein beträchtlicher Papierberg mit meinen persönlichen Angaben existieren.
Während der Fahrt sprach mich plötzlich ein junger Mann auf Englisch an. Nach einem kurzen Gespräch lud er mich völlig unerwartet zu sich nach Hause ein – inklusive Schlafplatz.
Eigentlich wollte ich gar nicht in Zouérat übernachten. Mein Plan war, möglichst direkt weiter beziehungsweise später wieder zurück nach Nouadhibou zu fahren. Doch meine Neugier war stärker als mein Reiseplan, also nahm ich die Einladung an.
Zuerst zeigte er mir voller Stolz sein Zuhause. Die Räume waren einfach eingerichtet: Teppiche auf dem Boden, kaum Möbel, keine Betten und keine Schränke, wie wir sie kennen. Was jedoch fast nie fehlte, war ein kleiner Teetisch.
Tee ist in Mauretanien kein Getränk für zwischendurch. Tee ist eine Beschäftigung.
Die Zubereitung kann fünf Minuten dauern. Oder vierzig. Je nachdem, wie viel währenddessen noch besprochen werden muss – und besprochen werden muss eigentlich immer etwas.
Der Tee wird von Glas zu Glas gegossen, zurück in den Krug geschüttet und erneut verteilt. Entscheidend ist die Schaumkrone. Ohne Schaum scheint der gesamte Vorgang seine gesellschaftliche Berechtigung zu verlieren.
Ausgeschenkt wird zudem nicht nur einmal, sondern dreimal.
Drei Runden Tee. Drei Durchgänge. Drei Gelegenheiten, den Zuckerhaushalt nachhaltig zu verändern.
Im Verlauf des Tages wurde ich in vier verschiedene Häuser mitgenommen. Entsprechend trank ich mehr Tee als wahrscheinlich jemals zuvor. Da er jeweils so süss war, dass der Löffel darin vermutlich aufrecht stehen geblieben wäre, musste ich mir um meine Kalorienzufuhr keine Sorgen machen.
Der Abend nahm dann eine weitere unerwartete Wendung. Plötzlich sass ich mit zwei jungen Männern in Zouérat und schaute ein Champions-League-Spiel zwischen Manchester City und Real Madrid.
Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet.
Die beiden fieberten mit einer Intensität mit, die jedes europäische Stadion problemlos hätte beschallen können. Bei jeder Chance wurde gezischt, geschnalzt, gerufen und gestikuliert. Selten hatte ich Menschen ein Fussballspiel so leidenschaftlich verfolgen sehen.
Es war einer dieser Momente, die zeigen, wie direkt Fussball Menschen verbindet. Zwei Mannschaften aus Europa spielten Hunderte Kilometer entfernt, und in einem einfachen Raum mitten in Mauretanien wurde jede Bewegung auf dem Bildschirm kommentiert, als sässen wir direkt an der Seitenlinie.
Erst gegen halb zwei Uhr nachts machten wir uns durch die dunklen Gassen auf den Heimweg. Wenig später lag ich auf einem Teppich, schlief tief ein und dachte bereits an das nächste Abenteuer.
Am folgenden Tag wartete der legendäre Eisenerzzug.
Um halb 2 geht’s dann endlich durch die dunklen Gassen nach Hause und ich falle in einen tiefen Schlaf. Träume von meinem nächsten Abenteuer. Die Fahrt mit dem legendären Eisenerz Zug.
Steckbrief
- Bereist
- Mai 2023