Chinguetti – heiliger Sand, süsser Tee und bittere Müllberge
Chinguetti enttäuscht: Ruinen und Müll statt spirituellem Highlight. Die antike Bibliothek kann den Gesamteindruck nicht retten.

Ich muss zugeben: Als ich zum ersten Mal von Chinguetti hörte, dieser alten Wüstenstadt im Herzen Mauretaniens, wusste ich nicht genau, was mich erwartet. Ich hatte von ihrer Geschichte als Zentrum islamischer Bildung gehört, von alten Bibliotheken, Moscheen, Karawanen und ihrem Ruf als eine Art spirituelles Zentrum der Sahara.
Nach meinem Besuch muss ich sagen: Ganz nachvollziehen konnte ich diesen Ruf nicht.
Die Stadt liegt mitten in einer Landschaft aus weiten, rollenden Dünen, die im Tageslicht schimmern und scheinbar endlos in die Ferne reichen. Beeindruckend ist das schon. Gleichzeitig merkt man aber auch, wie gnadenlos diese Umgebung ist. Der Sand nimmt sich, was er will. Chinguetti wurde bereits mehrmals von den Dünen bedrängt, teilweise verlassen, verschoben und wieder aufgebaut. Eine der alten Siedlungen schaute ich mir etwas genauer an.
Es ist eine eigenartige Mischung aus Ruinenstadt und weiterhin bewohnten Gebäuden. Enge Gassen, alte Mauern, Sand in jeder Ecke und überall Spuren einer Zeit, in der dieser Ort eines der wichtigsten Zentren islamischer Gelehrsamkeit war. Die alten Bibliotheken mit ihren historischen Manuskripten und die Moscheen, die im Wüstenlicht fast zu leuchten scheinen, gehören sicher zu den wenigen echten Highlights. Für den Islam hat Chinguetti eine grosse Bedeutung. Für mich blieb es eher ein Ort, den ich interessant fand, aber nicht wirklich fühlen konnte.
Trotz – oder vielleicht gerade wegen – der Tatsache, dass religiöser Tourismus hier eine wichtige Einnahmequelle ist, begegneten mir die Einheimischen freundlich und offen. Viele waren bereit, ihre Kultur und Traditionen mit Besuchern zu teilen. Ich verbrachte einen langen, faulen Nachmittag mit süssem Minztee, Gesprächen mit lokalen Händlern und dem Gefühl, für einen Moment einfach mittendrin zu sitzen.
Aber auch hier gab es diese andere Seite.
Überall lag Dreck. Müll, achtlos weggeworfen. Plastikflaschen, Verpackungen, Essensreste. Und mittendrin Ziegen, die sich durch diesen Abfall frassen, als wäre das eine völlig normale Futterstelle. Man steht daneben und weiss gar nicht recht, ob man wütend, traurig oder einfach nur sprachlos sein soll.
Der Mensch ist mit Abstand das grösste Tier. Und nicht immer das klügste.
Ich könnte wirklich kotzen, wenn ich so etwas sehe. Nicht, weil ich glaube, dass bei uns in Europa alles besser ist. Aber es wirkt einfach absurd, wenn wir uns daheim mit Greenwashing, Bambuszahnbürsten und perfekt sortiertem Recycling ein gutes Gewissen basteln, während andernorts tonnenweise Müll in der Landschaft liegt – und früher oder später im Meer landet.
Das Problem ist global. Und genau deshalb fühlt es sich so hoffnungslos an, wenn man vor einem Haufen Plastik steht, während eine Ziege daran kaut.
Chinguetti blieb für mich deshalb ein widersprüchlicher Ort. Historisch wichtig, landschaftlich eindrücklich, menschlich freundlich – aber auch staubig, vermüllt und schwer greifbar. Vielleicht muss man gläubig sein, um die spirituelle Bedeutung wirklich zu verstehen. Ich war es nicht. Für mich war es eher ein Ort zwischen heiliger Geschichte, schönem Sand und sehr bitterem Beigeschmack.
Steckbrief
- Ort
- Chinguetti, Mauretanien
- Erlebnis
- Ruinenstadt zwischen Sanddünen mit antiker Bibliothek und Moscheen
- Kontrast
- Zentrum islamischer Gelehrsamkeit trifft auf allgegenwärtigen Müll
- Tipp
- Zeit für Minztee und Gespräche mit lokalen Händlern nehmen
- Was bleibt
- Frustration über Müllproblematik überwiegt historische Bedeutung
- Bereist
- Mai 2023