Von Marokko nach Mauretanien – Warten zwischen zwei Welten
Der Grenzübertritt ist zäh aber unproblematisch, danach wird's noch karger. Nach 12 Stunden Bus erreicht man nachts Nouakchott.

Die Grenzüberquerung von Marokko nach Mauretanien fühlt sich an wie der Eintritt in eine neue Welt.
Nur bekommt man statt eines Dschinns und drei freien Wünschen einen Stempel in den Pass. Vorausgesetzt, der zuständige Grenzbeamte hat gerade keine Pause.
Meine Fahrt begann in einem überraschend modernen und grossen Reisebus. Nach den langen, kargen Kilometern durch den Süden Marokkos erreichten wir schliesslich den Grenzposten bei Guerguerat.
Dann hiess es erst einmal warten.
Die Grenzbeamten hatten Pause.
Wann diese enden würde, war nicht ganz klar. Niemand schien sich darüber besonders aufzuregen. Nur wir Reisenden schauten regelmässig auf die Uhr, als könnte das den Prozess beschleunigen.
Wir haben die Uhr.
Sie haben die Zeit.
Durch das Niemandsland
Zwischen dem marokkanischen und dem mauretanischen Grenzposten liegt ein unbebauter Abschnitt, der häufig als Niemandsland bezeichnet wird.
Diesen legte ich in einem Minibus zurück. Die Strecke war holprig, staubig und wirkte weniger wie ein offizieller internationaler Grenzübergang als wie ein Weg, den jemand vor Jahren versehentlich durch die Wüste gefahren war.
Am Rand warnten Schilder vor Landminen.
Das war ein ziemlich deutlicher Hinweis darauf, dass spontane Abkürzungen hier keine besonders gute Idee sind. Offroad-Fahren mag andernorts nach Abenteuer klingen. Zwischen zwei Grenzposten in einem ehemaligen Konfliktgebiet wirkt es eher wie eine unnötig komplizierte Form der Reiseverkürzung.
Also blieben wir auf der sichtbaren Fahrspur.
Die üblichen Fragen
Auf der mauretanischen Seite begann die nächste Runde.
Was mache ich hier?
Wohin fahre ich?
Wie lange bleibe ich?
Was ist mein Beruf?
Es waren dieselben Fragen, die mich später an zahlreichen Kontrollposten begleiten würden. Offenbar verändert sich die Antwort nicht, aber sie muss trotzdem immer wieder neu ausgesprochen werden.
Der Ablauf war insgesamt unkompliziert. Schnell war er nicht.
Obwohl kaum andere Reisende an der Grenze standen, dauerte die gesamte Prozedur ungefähr zwei Stunden. Pässe wurden geprüft, Angaben notiert und Dokumente von einem Schreibtisch zum nächsten getragen.
Irgendwann erhielt ich meinen Einreisestempel.
Keine Fanfare, kein dramatischer Moment.
Nur ein dumpfes Geräusch im Pass und die Erlaubnis, weiterzufahren.
Noch mehr Wüste
Schon kurz nach der Grenze veränderte sich die Landschaft.
Sie wurde noch leerer.
Der Süden Marokkos war bereits karg gewesen, doch in Mauretanien wurden die Abstände zwischen den Siedlungen grösser. Sandflächen und Dünen bestimmten die Aussicht, während Häuser, Tankstellen und andere Anzeichen menschlicher Zivilisation immer seltener auftauchten.
Ausser Wüste gab es über lange Strecken nicht viel zu sehen.
Dafür sehr viel davon.
Der Bus kam erstaunlich zügig voran. Trotzdem hielten wir regelmässig an: für Toilettenpausen, zum Beten oder weil irgendwo am Strassenrand jemand ein- oder aussteigen wollte.
Auch Polizei- und Militärkontrollen gehörten zur Strecke.
Fast jedes Mal wurden die Papiere überprüft. Und fast jedes Mal galt das besondere Interesse dem einzigen auffälligen Ausländer im Bus.
Mir.
Die übrigen Passagiere blieben sitzen, während ich meinen Pass zeigte, Fragen beantwortete und erneut erklärte, weshalb ich durch Mauretanien reiste.
Nach einigen Kontrollen kannte ich den Ablauf.
Pass herausnehmen. Freundlich grüssen. Fragen beantworten. Warten. Pass zurücknehmen.
Weiterfahren.
Ankunft in Nouakchott
Nach rund zwölf Stunden erreichten wir Nouakchott.
Es war bereits dunkel.
Die mauretanische Hauptstadt empfing mich nicht mit einer hell beleuchteten Skyline, sondern mit Sand, Verkehr und der Frage, wo ich um diese Uhrzeit ein brauchbares Zimmer finden würde.
Die Auswahl an Unterkünften war begrenzt. Zumindest an Hotels, die ich im Dunkeln erkennen und ohne weitere Expedition erreichen konnte.
Irgendwann fand ich eines.
Es war kein Ort, für den man einen Umweg gemacht hätte. Nach zwölf Stunden Busfahrt, zwei Grenzposten und mehreren Polizeikontrollen wirkte ein Bett allerdings bereits wie bemerkenswerter Luxus.
Ich war in Mauretanien angekommen.
Nicht besonders elegant, nicht besonders schnell – aber mit dem richtigen Stempel im Pass.
Update (Stand 2026): Als ich die Reise unternahm, konnten Schweizerinnen und Schweizer das Visum noch direkt an der Grenze erhalten. Seit Anfang 2025 gilt dies nicht mehr. Wer visumpflichtig ist – dazu gehören auch Schweizer Staatsangehörige – muss das mauretanische e-Visum bereits vor der Einreise online beantragen. Eine Einreise ohne vorgängig bewilligtes Visum ist in der Regel nicht mehr möglich. Informiere dich vor der Reise unbedingt über die aktuell gültigen Einreisebestimmungen.
Praktisches
- Anfahrt
- Moderner Bus bis zur Grenze, dann Minibus durchs Niemandsland, weiter per Bus nach Nouakchott
- Fahrzeit
- 12 Stunden Gesamtfahrzeit
- Fahrzeug
- Bus und Minibus
- Zeitbedarf
- Grenzabfertigung ca. 2 Stunden plus Fahrt
Steckbrief
- Erlebnis
- 12 Stunden Busfahrt mit Gebetspausen, Polizeikontrollen und Landminen-Schildern im Niemandsland.
- Kontrast
- Von Marokkos Moderne in noch kargere Wüstenlandschaft mit weniger Infrastruktur.
- Hinweis
- Zeit mitbringen und nicht off-road gehen.
- Was bleibt
- Das Gefühl, eine echte Schwelle überschritten zu haben – langsam, aber spürbar.
- Bereist
- Mai 2023