Casablanca – grosser Name, laute Stadt und wenig Hollywood
Casablanca ist laut, chaotisch und voller Widersprüche – doch genau das macht die mystische Ausstrahlung der Stadt aus.

Casablanca. Allein der Name ruft Bilder von klassischem Hollywood, Film Noir, Humphrey Bogart und romantischen Verwicklungen hervor. Man erwartet irgendwie verrauchte Bars, dramatische Blicke und Sätze, die klingen, als müsste im Hintergrund ständig ein Klavier spielen.
Die Realität ist etwas anders.
Casablanca ist hektisch, laut, gross und deutlich weniger romantisch, als der Name verspricht. Eine Stadt, die nicht versucht, einem sofort zu gefallen. Sie wirkt eher beschäftigt mit sich selbst. Verkehr, Menschen, Lärm, Baustellen, moderne Gebäude, alte Viertel, breite Strassen und enge Gassen – alles passiert gleichzeitig.
Beim Schlendern durch die Stadt merkt man schnell, wie sehr Casablanca zwischen Moderne und Vergangenheit hin- und herpendelt. Wolkenkratzer, belebte Autobahnen und moderne Geschäftsviertel stehen neben traditionellen Märkten, alten Gebäuden und Vierteln, in denen das Tempo plötzlich ganz anders wirkt. Casablanca ist kein hübsch herausgeputztes Marokko für Postkarten. Es ist eher eine grosse, arbeitende Stadt mit Ecken, Kanten und einem ziemlich kräftigen Puls.
Der bekannteste Anblick ist natürlich die Hassan-II.-Moschee. Und die ist tatsächlich beeindruckend. Sie steht direkt am Atlantik, gross, stolz und ziemlich selbstbewusst. Beim Anblick der vielen Details, der Grösse und der Lage am Meer versteht man sofort, warum sie zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt gehört. Das ist schon grosses Kino – auch ganz ohne Humphrey Bogart.
Jenseits der Moschee zeigt Casablanca verschiedene Gesichter. Art-Déco-Fassaden im Zentrum, Märkte, Hafen, Fisch, Tee, Verkehr und dazwischen immer wieder diese Mischung aus marokkanischer Tradition und urbanem Alltag. Die Stadt hat kulturell und historisch einiges zu bieten, aber sie serviert es einem nicht auf dem Silbertablett. Man muss ein bisschen genauer hinschauen.
Natürlich gehört auch das Essen dazu. Tajines, Fisch, Minztee, kleine Lokale, Strassenstände – Casablanca ist kulinarisch spannender, als sie auf den ersten Blick wirkt. Vielleicht ist das ohnehin ein guter Satz für die ganze Stadt.
Denn trotz ihrer Reize bleibt Casablanca widersprüchlich. Sie kann anstrengend sein. Sehr sogar. Laut, voll, chaotisch, nicht immer schön und sicher nicht so romantisch, wie man es sich vom Namen her vielleicht vorstellt. Gleichzeitig hat sie eine gewisse Energie. Eine Ahnung davon, dass hier ständig etwas passiert, auch wenn man nicht immer weiss, ob man Teil davon sein möchte.
Am Ende blieb Casablanca für mich keine grosse Liebesgeschichte. Eher eine komplizierte Begegnung. Eine Stadt, die Erwartungen unterläuft, Vorurteile bestätigt und dann doch wieder überrascht. Nicht unbedingt charmant im klassischen Sinn, aber lebendig, komplex und schwer einzuordnen.
Vielleicht passt das sogar ganz gut. Casablanca ist eben nicht der Film. Casablanca ist die Stadt danach: lauter, echter, weniger romantisch – aber sicher nicht langweilig.
Steckbrief
- Ort
- Casablanca, Marokko
- Erlebnis
- Moderne Wolkenkratzer neben traditionellen Souks, überragt von der majestätischen Hassan-II-Moschee über dem Atlantik
- Kontrast
- Laut und chaotisch, aber mit mystischer Ausstrahlung und dem Gefühl, dass jederzeit etwas geschehen könnte
- Tipp
- Art-Déco-Architektur im Stadtzentrum und die farbenfrohen Fischmärkte des Hafens nicht verpassen
- Was bleibt
- Ein tiefes Gefühl von Staunen und der Eindruck, dass die eigene Geschichte in Casablanca gerade erst begonnen hat
- Bereist
- April 2023