Der Eisenerzzug in Mauretanien: Das ultimative Abenteuer auf Schienen

Nicht alle Züge bringen dich nur von A nach B – manche nehmen dich mit auf eine Reise, die du nie vergessen wirst
Gustave Flaubert
Update (Dezember 2024)
Die Société Nationale Industrielle et Minière (SNIM) hat bekanntgegeben, dass das Mitfahren auf den mit Eisenerz beladenen Waggons nicht mehr gestattet ist. Die Mitfahrt soll ausschliesslich in den offiziellen Passagierwagen erfolgen. Was folgt, beschreibt eine Erfahrung aus einer Zeit, in der diese Fahrt noch möglich war.
Der Eisenerzzug in Mauretanien war so einer. Mehr als zwei Kilometer Stahl, Erz und Geduld, der sich täglich von den Minen in Zouérat bis an die Küste nach Nouadhibou schob. Kein Fahrplan, kein Versprechen, kein Komfort. Nur die Gewissheit, dass er irgendwann fährt.
Ich stand in Zouérat in der Hitze und wartete. Neben mir Tobias, ebenfalls mit dieser Idee, die man am besten nicht zu lange erklärt. Niemand wusste, wann es losgehen würde. Irgendwann kam Bewegung in die Sache. Rucken, Quietschen, dann setzte sich der Zug in Gang. Wir kletterten auf einen der vorderen Waggons und liessen uns ins Erz sinken. Es war kühl dort, dunkel, überraschend ruhig.
Erst in Fderik wurde der Zug vollständig. Menschen stiegen zu, mit Säcken, Tieren, Alltagsdingen. Es wirkte nicht spektakulär, eher selbstverständlich. Der Zug war kein Abenteuervehikel. Er war Infrastruktur. Und wir waren für einen Moment Teil davon.
Sobald wir Fahrt aufnahmen, begann die eigentliche Reise. Nicht schnell, nicht effizient, aber unerbittlich konstant. Der Staub fand seinen Weg überallhin. In Mund, Augen, Kleidung. Die Landschaft zog vorbei, flach, steinig, dann wieder weich aus Sand. Ab und zu tauchte Leben auf: Kamele, kleine Siedlungen, wartende Menschen. Der Zug hielt selten, aber wenn er hielt, war alles kurz und pragmatisch.
Tagsüber half der Fahrtwind gegen die Hitze. Nachts kippte das Gleichgewicht. Kälte, Ruckeln, kaum Schlaf. Der Himmel dafür offen und klar. Sterne ohne Konkurrenz. Es gab lange Phasen, in denen nichts passierte – und genau darin lag die Wirkung. Zeit verlor ihre Struktur. Man war einfach unterwegs.
Der Sonnenuntergang kam ohne Ankündigung. Erst Orange, dann Rot, dann Dunkelheit. Kein Geräusch ausser dem Metall unter uns. Später ein kurzer Halt in Choum. Zu langes Zögern hätte bedeutet, zurückzubleiben. Der Zug wartet nicht.
Als wir nach rund zwanzig Stunden in Nouadhibou einrollten, fühlte sich die Ankunft weniger wie ein Ziel an, mehr wie ein Wiederanschluss an die Welt. Staub überall, Müdigkeit, aber auch dieses leise Wissen, etwas erlebt zu haben, das sich nicht wiederholen lässt – zumindest nicht in dieser Form.
Heute ist diese Fahrt in der alten Art Geschichte. Was bleibt, ist die Erinnerung an eine Bewegung durch Raum, Zeit und Grenze hinweg. Und an einen Zug, der nie für Reisende gedacht war – aber sie trotzdem mitgenommen hat.
Der Eisenerzzug – rückblickend
Strecke: Zouérat → Nouadhibou
Funktion: industrieller Gütertransport
Mitfahrt damals: informell, roh, ungefiltert
Realität: Staub, Zeit, Weite
Status heute: Erz-Waggons für Passagiere untersagt
Bleibt: eine Erfahrung aus einer anderen Phase des Reisens


